Frankreich kriegt eins auf den Deckel - Auf zur WM, Teil 4

Wir sitzen also hier im Stadion in der letzten Reihe. Unten werden gelbe T-Shirts in die Menge gereicht. Einfach so. Ich natuerlich los, eins holen. Mir wird gesagt - auf Koreanisch, aber die Gesten verstehe ich - dass die T-Shirts nur an gewisse Sitzbloecke verteilt werden, ich soll mich wieder hinsetzen, wenn ich eins kriegen soll, dann kriege ich eins.

Ich setze mich hin. Hier sind ja genuegend freie Plaetze, und der T-Shirt-Mensch guckt schon nicht auf meine Karte, ob das wirklich mein Sitzplatz ist. Folglich kriege ich sofort ein T-Shirt zugereicht. Knallgelb. Darauf steht, Supporters de Seoul pour l'equipe de Senegal de football, darunter eine koreanische und eine senegalesische Fahne. Sehr cool. Wir sind also dem senegalesischem Fanblock zugeteilt, was mir sehr gut passt, da ich sowieso fuer Senegal bin. Ehemalige Kolonie gegen ehemalige Kolonialmacht, na ja, da ich postcolonial studies mache, leuchtet es halt ein, dass ich fuer Senegal bin. Ausserdem ist's immer interessanter, fuer den "underdog" zu sein, das Team, das wahrscheinlich nicht gewinnen wird.

Ich geh' zurueck nach oben. Dort bekomme ich noch ein T-Shirt zugeteilt, da ich mein erstes in den Rucksack gesteckt habe. Ich freue mich ueber das zweite, denn erstens sind die T-Shirts cool, und zweitens - wichtiger - ist es schon ziemlich kalt, und ich hab' ausser meinem St Pauli Trikot nur ein langaermeliges T-Shirt dabei. Also binde ich mir eines der Senegal-T-Shirts um den Hals, das andere trage ich unter meinem Trikot.

Vor dem Anpfiff reihen sich die Teams auf, wir werden zum Stehen aufgefordert, fuer die Nationalhymnen. Die Aufforderung - wie die meisten der Erklaerungen bei den Eroeffnungszeremonien - werden auf Koreanisch, Englisch und Franzoesisch weitergegeben. Nur ist das Stadion akoustisch nicht das beste, und wenn man nicht genau weiss, ob man gerade hinhoeren sollte oder ob's Koreanisch ist, versteht man das meiste eh nicht. Aber egal, alle stehen auf, das ist genau wie beim katholischen Gottesdienst: Einfach nachmachen, was die anderen tun.

Saeyun ist fuer Frankreich. Ich fuer Senegal. Trotzdem singe ich bei der Marseillaise mit, weil ich die Woerter kann (Hallo Mijo, einiges ist doch haengen geblieben aus dem Unterricht!) und vor allem weil die Melodie echt klasse ist, auch wenn der Text leicht blutruenstig ist.

Also, Anpfiff. Ich muss Saeyun noch mal in die Schulter knuffen. "Oh my god, we're HERE!" Sie knufft zurueck: "I KNOW!!" Wir sind beide begeistert.

Spiel faengt an. Was auf dem Spielfeld passiert, wissen alle, das wird ja schliesslich in alle Welt gesendet, und wer's nicht gesehen hat, kann's im sport1-Ticker nachlesen. Wir im Stadion werden also aufgemuntert, unsere Senegal-T-Shirts anzuziehen, damit unser ganzer Block gelb wird. Gegenueber sitzen naemlich die franzoesischen Fans, und von denen gibt's wesentlich mehr als von den senegalesischen. Ich frage mich, ob das bei jedem Spiel gemacht wird - T-Shirts verteilen, damit es ja so aussieht, als haetten beide Teams massenweise Fans im Stadion.

Ich weiss nicht, woran es liegt, aber wo wir sitzen, sitzen ansonsten fast nur Koreaner. Anderswo im Stadion sind weit mehr nicht-Koreaner, hier aber nicht. Und vielleicht ist das der Grund dafuer, dass die emotionale Beteiligung nicht so ganz da ist - wobei man sagen muss, dafuer, dass die meisten Leute hier ihre senegalesische Parteiigkeit gerade vor 10 Minuten zugeteilt gekriegt haben, sind sie ziemlich engagierte Fans. Auf jeden Fall fuehle ich mich hier aber weit mehr an die Zuschauer bei einem amerikanischem Baseballspiel erinnert als an das Fussballpublikum, dass man eher aus Europa kennt. Alle sitzen - auch deswegen moegen wir die letzte Reihe, da stoert's immerhin keinen, wenn man steht. Ich trommele irgendwann, aufgeregt, auf den leeren Sitzen; die sind aus Plastik und machen schoen Laerm. Saeyun bittet mich, aufzuhoeren; ueberall, erklaert sie, gucken Leute, so was tut man einfach nicht. Ich bin erstaunt. Aber gut, muss ja nicht sein.

Na, was wohl?


Ueberhaupt: Die Fans sind eine interessante Gruppe. Auf der einen Seite die Franzosen, Senegalesen, und sonst welche, die von weit her angereist sind und die das Spiel ziemlich ernst nehmen, die auch fast die ganze Zeit auf den Fuessen sind, singen, pfeifen, trommeln, tanzen. Auf der anderen Seite die Leute, hauptsaechlich Koreaner, die sich gedacht haben, dass das Spiel eigentlich ein netter Familienausflug waere. (Daher der Vergleich mit dem Baseballspiel.) Obwohl die meisten von ihnen in Jeans rumlaufen, sehe ich auch Frauen in Stoeckelschuhen und huebschen Kleidern, Maenner in schicken Anzuegen - nicht gerade das Publikum, was ich bei einem Fussballspiel erwarte. Also mal was neues.

Die Organisatoren unseres Senegal-Blocks sind unglaublich gut vorbereitet. Wir kriegen alle kleine senegalesische Faehnchen in die Hand gedrueckt, und neben mir wird eine riesige Senegal-Fahne langsam ueber das Publikum ausgebreitet. Die Fahne riecht stark nach Benzin. Als die Fahne voellig ausgebreitet ist, sehe ich, dass unter drunter, auf Koreanisch, "SENEGAL" steht. Oder ʰ - ich glaube, so wird's auf Koreanisch geschrieben. (Hier der Vorteil der koreanischen Tastatur - mit einem Knopfdruck kann ich zwischen roemischer und koreanischer Schrift wechseln.)

Als das Tor fuer Senegal faellt, schreien wir alle laut auf, und einige springen sogar aus ihrem Sitz. Die kleinen Papierfahnen werden wild in der Luft rumgewedelt, Faeuste in die Luft gepumpt, wir sehen ploetzlich ein wenig so aus wie echte Senegal-Fans. Bis man nach unten guckt, in die unteren Raenge, wo die echten Fans sitzen. Die erkennt man daran, dass sie keines dieser T-Shirts anhaben und trotzdem Senegal-Farben tragen. Die stehen seit Spielbeginn, und jetzt wird getanzt, Trikots und Fahnen werden geschwenkt, man umarmt sich, und das alles mit Trommelbegleitung - und zwar von echten, grossen Trommeln, nicht die Plastikteilchen die wir alle zugeteilt bekommen haben.

Nicht, dass diese Plastikteilchen nicht cool sind. Laut sind sie auch. Nach dem Spiel sammele ich einige ein, die zum Teil noch verpackt sind. Viele Sitze sind naemlich leer geblieben, und ich brauche WM-Mitbringsel.

Mehrere junge Maenner sind als Aufmunterer oder so aehnlich angestellt worden. Sie sollen uns zum rhythmischen Trommeln und Klatschen bringen, falls wir das alleine nicht schaffen sollten. Ihr grosser Auftritt war waehrend der Eroeffnungszeremonie, wo's nicht ganz ersichtlich war, was wann und wie gemacht werden sollte. Ich finde es aber lustig - und auch sonderbar - dass sie waehrend des Spiels weiter machen. Meistens macht das Publikum auch brav mit. Von alleine fangen auch ein paar Sachen an, aber sie halten sich nicht so lange.

Drueben, im franzoesischen Block, wird nun auch eine Fahne entfaltet. Eine franzoesische, natuerlich, nur sind in der Mitte, im weissen Streifen, die Symbole der koreanischen Flagge. Eigentlich ganz cool, die Idee. Die franzoesischen Fans sind besser organisiert - oder: Es sind einfach mehr Leute bereits als Frankreich-Fans ins Stadion gekommen. Gegenueber ist ein Meer von Blau. So saumlos ist unser Gelb naemlich nicht.

 
Der franzoesich-koreanische Fanblock, samt Fahne.

Es ist kalt. Und regnerisch. Ich wuensche mir, ich haette noch ein T-Shirt, fuer den Kopf. Wenn FIFA im Stadion einen Stand haette, wuerde ich mir einen Schal kaufen. Haben sie aber nicht. Wir teilen uns die letzte Banane und ein paar Crackers.

Ganz oben, hinter der letzten Reihe, ist keine Wand, sondern ein Gitter, und da kommt der Wind manchmal ganz kraeftig durch. Wenn man durchs Gitter guckt, kann man weit weg einen riesig grossen Bildschirm sehen. Auf diesem Bildschirm wird das Spiel gezeigt, dass ich hier im Stadion vor mir habe. Ich frage mich, warum so ein riesiger Bildschirm erforderlich ist, wenn mehrere Tausend Sitze im Stadion leer sind.

Wir knipsen jede Menge Bilder. Die bringe ich in zwei Wochen ungefaehr ins Netz, wenn ich wieder zu Hause in Texas bin. Bis dahin muss diese Beschreibung ausreichen!

Nach dem Spiel schlendern wir durchs Stadion, suchen Trommelchen, gucken den Menschen zu. Die senegalesischen Fans freuen sich, die franzoesischen sind etwas weniger gluecklich, aber das war ja auch nur das erste Spiel, die brauchen sich noch nicht wirklich Sorge zu machen. Peinlich ist das Ergebnis fuer den Weltmeister '98 trotzdem.

Eine grosse Staffel Polizisten steht im Stadion, erhaelt Anweisungen, wie das Stadion geraeumt werden muss. Noch warten sie. Wir gehen lieber.

Wir machen uns auf den Weg zur U-Bahn. Draussen ist ein kleines Volksfest, aber es ist uns zu kalt, und ausserdem ist das Fest wirklich klein.

Grosses Gedraenge in der U-Bahn. Senegal-Fans singen irgendetwas darueber, dass Senegal klasse ist, richtig cool, ein toller Sieger. Sie sehen vor sich franzoesische Fans, und prompt singen sie am Ende des Liedes, "Et la France aussi!" Die franzoesischen Fans klatschen und lachen.

Die U-Bahn ist voll, aber es geht. Wir machen uns auf dem Weg nach Hause. Hier und dort sehen wir Fans aus- und einsteigen, mit Fahnen und bemalten Gesichtern setzen sie sich neben die Koreaner, die nichts mit Fussball zu tun hatten und nur nach Hause oder in den Club fahren. Wir fahren nach Hause, ermuedet, aber gluecklich. Das Eroeffnungsspiel der WM! Und Senegal hat gewonnen, gegen Frankreich! Alles ziemlich aufregend. Trotzdem, oder vielleicht deswegen: Heute Nacht kann ich gut schlafen.

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3. Juni 2002

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