Akzentfrei - und irgendwie schade drum!

Zum Geburtstag habe ich von meinen Eltern ein Kochbuch geschenkt bekommen. Nicht nur - vor allem was das Reisen und den Garten angeht waren sie sehr großzügig. Aber hier geht's mir vor allem um das Kochbuch, denn das Kochbuch ist ein kölsches Kochbuch.

Es schmeckt gewiß gut, aber es hat noch niemand behauptet, die Kölner hätten einen besonders guten Modesinn...

Ich bin in Amerika aufgewachsen, und zwar deutschsprachig. Zu Hause wurde fast immer Deutsch gesprochen. Meine Eltern waren konsequent - bis heute komme ich mir dabei komisch vor, wenn ich mit ihnen Englisch rede, und dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Es war ja schließlich wichtig, und das nicht nur, weil ich mit acht Jahren in der Pause meine Schulkameraden beschimpfen konnte, ohne daß es die Lehrerin mitkriegte. Fast unsere ganze Verwandtschaft wohnt schließlich noch in Deutschland, und ohne Deutschkenntnisse hätte ich weder mit Großeltern noch mit Cousins und Cousinen sprechen können. Motiviert wurde ich auch dadurch, daß wir fast jedes Jahr nach Deutschland geflogen sind. Wer will sich denn schon vor der eigenen Verwandschaft - vor allem natürlich vor den coolen, etwas älteren Cousins und Cousinen - damit blamieren, daß man sie nicht wirklich versteht?

So weit alles gut - aber als ich mit 23 nach Berlin zog, stellte sich heraus, daß mir doch einiges an Deutschkenntnissen fehlte.

Als ich erst knapp zwei Wochen in Berlin war, klopfte der Nachbar, der unter mir wohnte, bei mir an. Ich ging an die Tür, fragte, was es denn sei...

... und verstand seine Antwort nicht.

"Wie bitte?"

"Schnckisppssgfrggck", meinte er.

"Äh...bitte?" Ich kam mir sehr dumm vor, konnte ihn aber wirklich nicht verstehen.

"Schnckisppssgfrggck."

Als ich zum dritten Mal nachfragen mußte, hat er eingesehen, daß er es wohl mit einer Idiotin zu tun hatte, was mich in so fern nicht weiter störte, als das er wirklich anfing, langsam und klar zu reden. Stellte sich heraus, daß er der Meinung war, ich hätte einen "lauten Gang", er würde mich oft gehen hören, ob ich das nicht mal bleiben lassen könne. Ich war verdutzt, versprach, ganz bestimmt ganz leise zu gehen, und er verabschiedete sich.

Berlinerisch vom feinsten: Didi & Stulle, von Fil. In der Zitty Online zu lesen.

Noch in der selben Woche passierte mir beim Brötchenkaufen fast dasselbe, nur bezog sich die Unterhaltung nicht auf meinen Gang, sondern naturgemäß auf Backzeug - was mir leider auch nicht beim Verständnis geholfen hat.

Denn leider ist es so, daß ich zwar ein meistens einwandfreies Deutsch sprechen und dasselbe auch verstehen kann, aber Dialekte, regionale Akzente - die habe ich in Amerika nie gehört. Folglich bereiten sie mir enorme Schwierigkeiten. Und sie faszinieren mich.

Meine Verwandtschaft mütterlicherseits stammt aus der Nähe von Hannover - der regionale Akzent ist dort mehr oder minder Hochdeutsch. Mein Großvater konnte Plattdeutsch, und etwas davon hat meine Mutter von ihm geerbt, aber sie hat es seit Jahrzehnten nicht mehr gesprochen. Die Eltern meines Vaters waren beide Schauspieler, die berufsbedingt ein sehr reines Hochdeutsch sprachen. Mein väterlicher Großvater konnte Kölsch, aber daheim wie auf der Bühne wurde wurde Hochdeutsch gesprochen. Mein Vater wuchs in Köln und Umgebung auf, konnte sich mit Freunden auf Kölsch verständigen, hat es aber auch verlernt; jetzt kann er immerhin noch Hochdeutsch mit kölschem Akzent sprechen.

Nach und nach habe ich mich natürlich an das Berlinerisch gewöhnt, konnte es verstehen und sogar etwas nachahmen, obwohl ich das nur nicht-Berlinern gegenüber gewagt habe. Leider war diese Gewöhnung nicht auf andere Dialekte übertragbar; als ich in Köln zu Besuch war und neben mir zwei Männer Kölsch sprachen, dachte ich erst, daß sie Holländer wären. Nachdem ich genauer hingehört habe konnte ich es doch als Kölsch identifizieren, peinlicherweise aber auch nur, weil ich erstens in Köln saß und zweitens schon ein paar Mal BAP gehört hatte und mir einiges bekannt vorkam.

Eine Zeit lang wollte ich mir sogar Kölsch beibringen. Vor ein paar Jahren habe ich mir den kölschen Asterix gekauft - "Mer schrieven et Johr 50 v.Chr. Janz Jallie es vun de Römer besatz ... Janz Jallie? Enä!" Mit Vokabelliste hinten drin. Und das kölsche Witzbuch meiner Eltern habe ich auch eingehend studiert. BAP habe ich gehört, und The Piano Has Been Drinking und Bläck Fööss - nur: Es hat alles nicht geholfen.

Denn Dialekt ist eine gemeinschaftliche Sprache, und in der Abwesenheit einer kölschsprechenden Gemeinde kann man sich sonst noch so bemühen, man wird den Dialekt nicht erlernen können. Kölsch lernen, in Texas? Leider nein. Selbst in Berlin nicht. Die Kölner, die Aussprache, der Dom, die Sprachmelodie, das Essen und natürlich das kölsche Bier - es gehört alles zusammen, und ohne das eine kann das andere nicht wirklich was werden.Ich könnte noch so viele kölsche Bücher reinziehen, etliche Speisekarten in- und auswendig lernen, und tagein und tagaus mir Bläck Fööss anhören, und ich würde trotzdem immer noch neben diesen Männern sitzen und mich erst einmal fragen, ob das nicht vielleicht doch Holländisch ist.

Trotzdem: Das Kochbuch, das kölsche, ist zweisprachig. Ich werde mir die Wörter merken: "Öllig", das ist eine Zwiebel. "Bunne" sind Bohnen. "Verzäll", das heißt erzählen. Und trotzdem: Helfen wird es nicht. Kölsch kann man nicht aus dem Buch lernen. Schon gar nicht in Texas.

Aber dicke Bunne met Speck. Das kann man sich trotzdem kochen. Selbst in Texas.

 

15. Mai 2002

Zurück zur Startseite

© 2002 NoAura Productions. All rights reserved. Ask before you borrow!!