Berlin, gehaßt und geliebt

Ich liebe Berlin und finde die Stadt faszinierend. Die Geschichte, die sich dort abgespielt hat, die Konflikte, die immer noch dort ausgetragen werden, und wie man sich in den Gegensätzen dort verlaufen und verlieren kann - wie lebendig die Stadt sein kann, und wie gemein - alles das zieht mich an. Aber in meinem ersten Halbjahr in Berlin habe ich die Stadt fast nur gehaßt.

Nun gut; man sollte nicht unbedingt im Herbst nach Berlin ziehen, wie ich das getan habe. Schließlich liegt die Stadt ja fast auf gleicher Höhe mit Moskau, und obwohl es in Berlin wohl etwas wärmer ist, fehlt einem die Sonne doch genauso. Ich war Michigan gewohnt - auf einer Höhe mit Barcelona - wo es zwar eiskalte Winter gibt, aber die Sonne fast immer zu sehen ist. Winter in Michigan ist eine Jahreszeit, die von stechend blauem Himmel, weißem Schnee und Schlittenfahren (manchmal auch - des Eises wegen - Schlittenfahren mit dem Auto) geprägt ist. Und Winter in einer Großstadt hatte ich sowieso noch nie wirklich erlebt.

Ja - und dann ausgerechnet diese Großstadt. Die Tage wurden immer kürzer, und die Stadt immer grauer und trostloser. Oft war die Sonne gar nicht zu sehen, weil sie den Kampf gegen die hohen Häuser und den Wolken verloren hatte. Und selbst mit Sonne war alles monoton; die Häuser braun oder grau, der dunkelgraue Eisschnee, und die Menschen trist angezogen - auf einmal schien das knallgrüne Karstadt-Schild ein Lichtblick zu sein.

Und es war kalt - kälter, als ich es je erlebt hatte, und dabei hatte ich sogar eine Wohnung mit Gasheizung. (Später habe ich in Wohnungen mit Ofenheizung gewohnt, aber im ersten Winter wäre ich dabei wohl eingegangen.) Draußen war eisiger Wind, der mir durch alle Knochen ging und im Mark sitzen blieb, so daß ich dachte, es würde mir niemals wieder warm. Und die Menschen, die draußen auf der Straße gingen, guckten weder rechts noch links sondern duckten sich nur in ihre Jacken und huschten so schnell wie möglich aneinander vorbei.

Selbst an der Uni war es so - man lief aneinander vorbei, hatte keinen wirklichen Kontakt. In den USA ist es vor allem an der Uni üblich, Menschen einfach mal anzuschnacken, "small talk" zu machen - über Unwichtiges reden, dadurch ins Gespräch kommen; nach und nach kann man sich besser kennen lernen, wenn man will, aber auf jeden Fall hat man menschlichen Kontakt. Nicht so in Berlin. Erstens schien niemand über Belangloses reden zu wollen, Fragen nach Herkunftsort oder sonstwas wurden üblicherweise einsilbig und mit gelangweiltem Blick beantwortet. Zweitens dauerte es lange, bis man mir erklärte, daß die amerikanische, landesübliche Begrüßung "Wie geht's?", die in den USA einfach eine Floskel ist, in Deutschland ernst genommen wird, und daß man Fremde einfach nicht danach fragt, wie es ihnen geht. So eröffnet man in Deutschland kein belangloses Gespräch - aber ich wußte das nicht, und da ich keinen amerikanischen Akzent habe, wenn ich Deutsch spreche, hielt man mich wahrscheinlich einfach für dämlich.

Am schlimmsten aber war die Bürokratie. Um mich an der Uni einzuschreiben, mußte ich zwischen mehreren Aemtern hin- und herpendeln. Ich hatte einen deutschen Paß und ein amerikanisches Abitur. Das Immatrikulationsbüro schickte mich zum Amt für ausländische Studenten. Da ich aber Deutsche bin, schickten die mich wieder zum Imma-büro. Die konnten trotz meiner deutschen Staatsangehörigkeit mit meinem US-Abschluß nichts anfangen, also zurück zum Amt für Auslandsstudis. Und so weiter, bis ich die Krise kriegte und völlig frustriert anfing zu heulen. Da haben sie dann doch Mitleid gekriegt, und irgendwie klappte es dann auch.

Aber zum Meldeamt mußte ich auch noch - nur wußte ich das nicht. Woher auch? In den USA herrscht keine Meldepflicht, und ein Einwohnermeldeamt gibt's dort gar nicht. Wenn man umzieht, kann man sich bei der Post an- und abmelden, wenn's einem Spaß macht; muß aber nicht sein. Rein theoretisch soll man immer einen neuen Führerschein beantragen, wenn man umzieht (da der Führerschein als Perso fungiert), aber das tut kein Mensch. Also fiel ich aus allen Wolken, als mich jemand nach einen paar Wochen fragte, wo ich denn gemeldet sei. Bitte?

Ja, und dann versuch doch mal, im Alter von 23 Jahren auf eine Meldestelle zu gehen, und in akzentfreiem Deutsch zu erklären, daß du keine Ahnung hattest, daß man sich melden muß. Wieder einmal nahm man vorerst an, daß ich schlicht dämlich sei. Und als ich die Sache mit Amerika erklärte und, daß ich mein ganzes Leben lang noch nicht in Deutschland gelebt hatte, wollte mir trotzdem niemand glauben, daß ich noch nie vorher gemeldet gewesen war. So was geht doch nicht! Das ist doch nicht mehr der Wilde Westen da drüben! Vielleicht lag's daran, daß ich nach Friedrichshain gezogen war und die Beamten im Ostteil der Stadt weniger Erfahrung mit Ausländern hatten (und ich war ja auch offiziell keine Ausländerin) - aber dieser Behördengang hat mich völlig fertig gemacht.

Und dann die Berliner. So was hatte ich auch noch nie erlebt. So unhöflich - selbst die Kauffrau hat mich angeraunzt, als ich es wagte zu fragen, wo denn die Seife wäre (Hamse nit Augen? Könnense doch selber gucken!) - daheim in den USA hätte sie dafür ihren Job verloren, in Berlin war es gang und gäbe. In der U-Bahn angefaucht und angerempelt, bei den Behörden fertiggemacht, an der Uni ignoriert - ich haßte Berlin, und wollte nach Hause. Und zum ersten Mal war mir klar, daß - trotz deutschem Paß, trotz der vielen Besuche und der Familie dort, und trotz des akzentfreien Deutsches - Deutschland nicht meine Heimat war. Hätte man mich darum gebeten, ich hätte dankend die deutsche Staatsbürgerschaft aufgegeben.

Trotzdem bin ich geblieben. Heute weiß ich nicht mehr ganz, warum. Zum Teil wußte ich nicht, was ich in Amerika anfangen sollte; außerdem hatte ich gesagt, daß ich ein Jahr lang in Berlin leben würde, und dabei sollte es bleiben. Und dazu kam wohl auch, daß ich die Stadt nicht gewinnen lassen konnte. Sie sollte mich nicht unterkriegen können.

Aus dem einen Jahr sind letztendlich vier geworden. Der Frühling kam. Die Stadt wurde heller, freundlicher. Ich lernte auf eigene Faust liebe, nette Menschen kennen, und viele der Freundschaften halten noch bis heute. Christo verpackte den Reichstag, und selbst eingefrorene Berliner mußten dabei lächeln. Und ich habe auch gelernt, daß nicht alles, was in meinen Ohren gemein oder gehässig klang, so gemeint war; man darf sich in Berlin nur nicht einschüchtern lassen.

Es gab immer noch Momente, in denen ich daß Gefühl hatte, ich gehörte nicht nach Berlin. Aber es gab auch viele, viele Momente - und dann ganze Tage, Wochen und Monate - wo ich wußte, daß ich trotz allem irgendwie doch Berlinerin geworden war. Vielleicht liebe ich deswegen die Gegensätze der Stadt, weil meine Erfahrungen dort auch durch Gegensätze geprägt waren. Ich habe Berlin gehaßt und geliebt. Und vielleicht ist es das, was an der Stadt wunderbar ist: Man kann beides gleichzeitig tun.

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